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Brandenburg

Montag, 31. Januar 2005

Freude auf dem Telegrafenberg über Auftrag aus Indonesien

Geoforscher: Tsunami-Frühwarnsystem könnte innerhalb von eineinhalb Jahren fertig sein

Bild aus der Morgenpost  

Darstellung des Reliefs der Erdoberfläche im Geoforschungszentrum

Foto: dpa

Von Dieter Weirauch

Potsdam - Nur wenige Meter vom Einsteinturm im Wissenschaftspark auf dem Potsdamer Telegrafenberg könnte die montägliche Besprechung bei Professor Rolf Emmermann, dem Chef des Geoforschungszentrums (GFZ), heute etwas länger dauern. Vielleicht gibt der Vorstandsvorsitzende auch eine Flasche Sekt aus. Grund hätte er jedenfalls dazu. Nach der Entscheidung Indonesiens vom Wochenende, das von den Potsdamer Wissenschaftlern entwickelte Tsunami-Frühwarnsystem zu nutzen, ist den ansonsten sehr zurückhaltenden Wissenschaftlern die Freude anzumerken.

Der aufsehenerregende Auftrag zeuge davon, daß das GFZ seinen wissenschaftlichen Auftrag mit großem Erfolg umsetzt. Er bestehe darin, geowissenschaftliche Forschungskapazitäten in nationalen und internationalen Projekten zu bündeln, lobte Franz Ossing, der Sprecher des GFZ. Ossing merkt am großen Medieninteresse, daß die Geowissenschaftler längst zur Weltelite gehören. Auch Brandenburgs Wissenschaftsministerin Johanna Wanka (CDU), selbst Mathematikerin, freut sich riesig: "Das Geoforschungszentrum spricht mit seiner weltweiten Anerkennung für sich", sagte sie. "Die Wissenschaftler auf dem Telegrafenberg haben ein einzigartiges Know-how, das sie zur Frühwarnung nun nutzbringend einsetzen können. Das ist auch ein Zeichen dafür, daß in Brandenburg Spitzenwissenschaft beheimatet ist."

Zeit zum Feiern bleibt den Wissenschaftlern, die erst vor wenigen Tagen von einer internationalen UN-Konferenz im japanischen Kobe zurückkehrten, wenig. Und wegen der verheerenden Katastrophe ist ihnen ohnehin auch nicht dazu zumute, so Professor Rainer Kind, der Leiter der Seismologie, gestern.

Die Eckdaten für das System stehen fest: Innerhalb von eineinhalb Jahren könnten erste Anlagen in Betrieb genommen werden, sind sich die Experten sicher. Im Herbst soll das deutsche Forschungsschiff "Sonne" auslaufen, um im Indischen Ozean Positionen für die zur Lokalisierung der Riesenwellen nötigen Drucksensoren zu erforschen. Vieles, was die Forscher in den vergangenen Jahren bei der Erkundung ihres Hauptforschungsgegenstandes, der Erde, zusammentrugen, kommt ihnen jetzt zugute. Mit ihrem Satelliten "Champ" fanden die Geoforscher heraus, daß die Erde keinesfalls eine Kugel ist, sondern eher einer knubbeligen Kartoffel gleicht. Als "Potsdamer Kartoffel" machte die Satellitenaufnahme weltweit Furore. Die Technik im Orbit soll auch helfen, Erdbeben und Flutwellen künftig rechtzeitig zu bemerken.

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn lobt: "Die Stärke unseres Konzepts ist, daß wir auf bestehenden Beobachtungsnetzen aufbauen." Das GFZ betreibt in Zusammenarbeit mit Partnerinstituten bereits ein eigenes seismologisches Forschungsnetz, das eng mit den Netzen anderer Länder verbunden ist. In der Region des Indischen Ozeans gibt es allerdings nur wenige Stationen, die im Internet verfügbare Daten produzieren. In einer ersten Stufe sieht das Konzept daher vor, zu den 50 global bereits vorhandenen Stationen des GFZ etwa 30 bis 40 neue Stationen in der Region aufzubauen. In Kooperation mit anderen Geberländern ist später ein Ausbau auf rund 250 Stationen angestrebt.

Die in Potsdam entwickelte Methode zur Echtzeitkommunikation ist inzwischen internationaler Standard und wird auch in den Vereinigten Staaten verwendet. Zudem gilt es als weltweit schnellstes System.

Nach Vorstellungen von Rainer Kind wird das Frühwarnsystem nicht auf den Indischen Ozean beschränkt bleiben. "Auch der Mittelmeerraum ist ein hochgefährdetes Erdbebengebiet", sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Kind: "Unser Konzept könnte in der zweiten Stufe auf die ganze Welt ausgedehnt werden."

Wissenschaftler des GFZ hatten vor zwei Wochen das Konzept Bundeskanzler Gerhard Schröder vorgestellt. Ebenso ging es um die Wissensvermittlung vor Ort. Auch dafür sollen die Potsdamer Vorreiter sein. Zu diesem Zweck sollen Experten in den Regionen geschult werden. Die Fachleute nennen diesen Aufbau von Kompetenz in den Regionen "Capacity Building". Wie diese Zeitung erfuhr, soll die Koordination für die Installierung des Frühwarnsystems auf dem Potsdamer Telegrafenberg erfolgen.

Wissenschaft "Made in Brandenburg" hat einen guten Ruf. Heute ernennen Wissenschaftsministerin Johanna Wanka und Wirtschaftsminister Ulrich Junghanns (CDU) die ersten fünf Wissenschaftsbotschafter, die das Land vertreten sollen.

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