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Berlin

Montag, 31. Januar 2005

Karneval - Nichts als Sentimentalität

Warum Rheinländer in Berlin schunkeln sollten

Von Torsten Thissen

"Et sin die kleine Saache wenn de su an Kölle denks, die dir et Heimweh maache, wenn de en d'r Welt römhängs." Bläck Fööss

Die Woche wird hart. Für beide Seiten, für die Berliner und für die in Berlin lebenden Rheinländer. Die heiße Phase des Karnevals beginnt nämlich, und ein Teil der Hauptstadt bereitet sich vor: Auf den nun schon fünften "Umzug", wie es hier heißt; auf eine Million Zuschauer, wie man hier hofft, auf "Berlin Heijo", wie man nach Wunsch der Organisatoren rufen soll, wenn Berliner auf Wagen durch Mitte gerollt werden.

Es gibt einen Prinzen und eine Prinzessin, es gibt Gardisten und wahrscheinlich hat der Zugführer Rolf Vieting auch wieder eine CD, auf der Prinz und Prinzessin singen, wie lustig es ist, Karneval in Berlin zu feiern. Man sollte ihnen das nicht glauben. Es ist nicht lustig. Warum es gerade für Rheinländer trotzdem gut sein kann, Karneval in Berlin zu feiern, soll im Folgenden erläutert werden. Aus Gründen der Sentimentalität nämlich.

Karneval ist eine sentimentale Angelegenheit. Darin unterscheidet er sich in seiner rheinischen Ausprägung zumindest von den anderen Massenbesäufnissen der Republik. Vom Münchner Oktoberfest etwa. Deshalb braucht man bei Berliner Karnevalpartys auch immer DJs aus dem Rheinland, die die richtige Mischung aus Liedern zum Feiern und Liedern zum Schunkeln bringen. Es ist nämlich nicht damit getan ein bißchen Partymusik zu machen, guter Karneval ist wie das Leben - es gibt Momente der Freude und Momente der Trauer. Emotionale Momente.

Es gibt ein Lied der Bläck Fööss, dieser Herz-und-Seele-Band des Rheinlandes, das von einem Kölner handelt, der nach Berlin zieht, um dort zu arbeiten. "Ich han nen Deckel" heißt das Lied. Der Kölner hat also in seiner Stammkneipe vergessen, die Rechnung zu begleichen. Und erst durch die Distanz zu seiner Heimatstadt wird ihm bewußt, wie sehr er dieses rheinische Gefühl vermißt: anschreiben zu lassen; an der Theke zu stehen; obwohl man ein alter Mann ist, von seinen Bekannten "Junge" gerufen zu werden. "Ich hätte niemals gedacht, daß ich so oft an Köln denken muß", sagt der Kölner im Lied - und versinkt in Melancholie. So ist das auch im Karneval, dieser seltsamen, sentimentalen Angelegenheit, er lebt von Erinnerungen.

Es ist deshalb kein Wunder, daß die rührseligsten Karnevalslieder Geschichten von früher erzählen, bedauern, daß das Leben nicht mehr ist, wie es war. Wie im wunderbaren "Veedel"-Lied, das vom Verschwinden Kleinstädtischer Strukturen handelt "Wie soll dat nur wigger jonn? Wat bliev dann hück noch ston? Die Hüsjer un Jasse, die Stündcher beim Klaafe. Es dat vorbei?" ("Wie soll das nur weiter gehen? Was bleibt denn heute noch stehen? Die Häuser und Gassen, die Stunden beim Schwatzen. Ist das vorbei?")

Auch im Rheinland ist Karneval ein Graus, wenn er organisiert ist. So ist zum Beispiel die von RTL jedes Jahr übertragene Sitzung der Kölner Prinzengarde das Schlimmste, was man sich vorstellen kann. "RTL-Alaaf", sagen die Menschen in der Kölner Südstadt abfällig über diese vom Privatsender verbreitete Veranstaltung. Der Karnevalsumzug in Berlin hat so was RTLeskes, erinnert mehr an Love Parade oder Militärparade als an den Kölner Rosenmontagzug. Rheinländer sollten sich eine Kneipe suchen, die in Berlin an den Karnevalstagen rheinische Lieder spielt, eine Kneipe, in der man daran erinnert wird, wie schön der Karneval im Rheinland ist. Und wenn dann der Berliner von seinem "Umzug" durch Mitte zurückkommt, sollte er sich zu ihm an die Theke stellen, mit ihm schunkeln, ihm die Tränen trocknen und gemeinsam mit dem Rheinländer oder der Rheinländerin neue Erinnerungen schaffen, in denen man im nächsten Jahr dann wunderbar schwelgen kann.

"Du häs keine Koffer en Berlin, du häs noch ene Deckel beim Franz. Och wenn de't nit jläuvs, du wees et schon sin, et es wirklich wohr: "Niemols - jeit mer su janz." Bläck Fööss

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