Wie Irak wählt
Trotz einiger Zwischenfälle verlief die Wahl geregelt - Ein Ergebnis wird nicht vor Mitte der Woche erwartet
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| Im ganzen Land strömen die Menschen in die Wahllokale. Vor der Stimmabgabe steht überall die Leibesvisitation Foto: rtr |
Ungeachtet der Todesdrohungen von Extremisten haben Millionen von Irakern bei den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes ihre Stimme abgegeben. Die Wahlbeteiligung soll bei rund 70 Prozent gelegen haben
Bagdad - Grimmig schauen bewaffnete irakische Sicherheitsleute von den Dächern auf die kleine Schule in Betanin, dem christlichen Bezirk von Bagdad. Sie sind nervös. Der Wahltag für insgesamt 13 Millionen Iraker hat gleich um 7 Uhr morgens mit Schießereien begonnen. Kein gutes Zeichen für diesen Tag, nachdem am Vorabend bereits die US-Botschaft angegriffen wurde. Der Tag der Entscheidung?
Die graue Nebenstraße, in der sich Müllberge türmen, hat die irakische Armee völlig abgeriegelt. Stacheldrahtknäuel liegen auf den Straßen. Gleich drei Polizeiwagen haben sich davor aufgebaut. Die irakischen Sicherheitsleute haben ihre Gewehre immer im Anschlag. Doch davon lassen sich die Wähler hier nicht abschrecken. Eine Frau wird sogar auf einem Esels-Karren hergebracht. Adil Beschuan hat schon gewählt, die christliche Aschur-Partei. Er freut sich, daß so viele Menschen in seinem Viertel zur Wahl kommen und sich nicht einschüchtern haben lassen von der Terror-Gruppe um Zarkawi: "Es ist unglaublich, wie viele kommen. Die Familien haben selbst Behinderte in Rollstühlen angefahren." Er ist zufrieden. "Ich will endlich für den Irak Freiheit und Unabhängigkeit. Und das geht nur mit Wahlen." Ob er glaubt, daß die neue Regierung Sicherheit bringt? "In'schallah", sagt er nur. So Gott will.
Aziza Aschid ist mit ihrer kleinen Tochter gekommen und muß, wie alle anderen, ihren Ausweis vorzeigen. Dann wird ihr Name von einer etwas unübersichtlichen Liste gestrichen. Sie nimmt den Wahlzettel, der einem riesigen Waschzettel gleicht, entgegen. 256 Parteien und Einzelpersonen stellen sich zur Wahl und jeder hat eine Nummer. Hinter Pappschachteln macht sie ihr Kreuz und wirft es in eine der durchsichtigen, versiegelten Wahlurnen. Auf einem der einfachen Tische steht ein kleines Glas mit violetter und nicht-abwaschbarer Tinte. Sie taucht, wie verlangt, ihren Zeigefinger ein und lacht: "Das ist ein schönes Gefühl." Sie hat für die Partei von Ministerpräsidenten Allawi, die Vereinte Irakische Allianz, gestimmt. Angst hatte sie nicht, zur Wahl zu kommen. Sie sagt: "Angst hätte ich, wenn wir Iraker das Interesse an unserem eigenen Land verlieren würden."
Der Fußweg in das zwei Kilometer entfernte Karada-Viertel ist nicht so einsam wie die Nebenstraße. Hier trauen sich die Menschen auf die Straßen. In einer Bäckerei wird heißes Fladenbrot verkauft. Aber auf den Straßen fahren keine Autos. In ganz Bagdad sind nur insgesamt zehn Krankenwagen erlaubt. Die Gefahr vor Autobomben ist hoch. Auf der Straße spielen die Kinder hier Fußball. In der Karada-Straße sind sogar einige Läden geöffnet. Als Snack nehmen sich viele selbstgemachte Kartoffelchips mit oder Nüsse. Es fahren brandneue weiße Toyota-Landcruiser ohne Nummernschild vorbei. Sie gehören zur irakischen Polizei. An großen Kreuzungen stehen Panzer, und am Himmel sind immer wieder amerikanische Apache-Hubschrauber zu sehen, die das Gelände kontrollieren. In der Ferne sind Schüsse zu hören.
In Karada dient die Al Zainari-Schule als Wahllokal. Auch hier fünf Wahlzimmer. Die Schulbänke stehen im Pausenhof. Hier stehen um die Mittagszeit weniger Menschen zur Wahl an. Ein Wahlhelfer ist zufrieden: "Für uns ist dieser Tag ein großes Fest." Auch er hat keine Angst. 400 Iraker haben hier schon gewählt, von insgesamt 3600 hier registrierten. "Mal sehen, wie viele noch kommen," sagt er. "Bis 17 Uhr ist ja noch Zeit".
Um die Ecke in einer anderen Nebenstraße, in der sich große Villen aneinanderreihen, ist die Schule "Rail Arabi". Auch hier entspannte Atmosphäre. Die Sicherheitskräfte haben von den Selbstmordanschlägen auf ein Wahllokal im Mansur-Viertel gehört, aber ein Mann mit schwarzer Kapuze über dem Kopf sagt: "Das kann hier nicht passieren".
Aus einem kleinen Radio klingt plärrende arabische Pop-Musik. Er wird etwas unruhiger, als plötzlich um die Ecke ein ganzer Troß Menschen kommt. In der Mitte ist der bärtige Imam Amar Al Hakim, der Sohn von Abdul-Aziz-Al Hakim, der für die Schiiten-Bewegung Oberster Rat für die Islamische Revolution im Irak (Sciri) kandidiert. Sein Vater hat allerbeste Chancen, durch diese Wahlen der neue Präsident des Irak zu werden. Er ist umgeben von Leibwächtern und Freunden. Mit schwarzem Turban, dunklem Umhang und heller Sonnebrille sieht er würdevoll aus. Auch sein rechter Zeigefinger ist voll Tinte, ein Zeichen der Stimmabgabe. Er hat seine Stimme der SCIRI gegeben. "Ich habe Vertrauen in diese Partei," sagt er. Auch für ihn ist es "ein großer Tag".



